Der Plantahof in Landquart gilt als innovative Ausbildungsstätte für Landwirtinnen und Landwirte. Direktor Peter Küchler über ein Zuhause für Bündner Bauernfamilien, über Klimaneutralität und über die Chance der Aktion graubündenVIVA.

«graubündenVIVA ist eine einmalige Chance»

Esther Kern im Interview mit Peter Küchler, Direktor Plantahof

Peter Küchler, Direktor Plantahof

 

 

 

Die meisten Bündner Landwirtinnen und Landwirte besuchen im Verlauf des Berufslebens am Plantahof Ausbildungsmodule. Welches sind Ihre Visionen für die Landwirtschaft im Bergkanton?

In erster Linie haben wir eine Vision für den Plantahof. Wir sind ein Kompetenzzentrum und möchten eine emotionale Heimat für Menschen im ländlichen Raum sein. Unser Ziel ist, möglichst reife Persönlichkeiten in die Talschaften zu schicken, die fähig sind, innerhalb der Branche und darüber hinaus selber Visionen zu entwickeln.

 

Was bedeutet «emotionale Heimat», wenn es um den Plantahof geht?

In erster Linie möchten wir ein Ort sein, wo man gerne hinkommt, wo man sich verstanden und wohl fühlt. Man darf am Plantahof auch Kritik äussern, wir nehmen uns aber auch das Recht heraus, Kritik zu üben.

 

Auf welchen Plattformen findet der Austausch statt?

Es fängt in der Grundbildung an. Wir haben es geschafft, dass die Bündner Lehrlinge im 3. Lehrjahr praktisch alle im Kanton sind, weil sie das Internatsleben hier miterleben wollen. Wir versuchen, ein ganzheitliches Lernerlebnis zu bieten. Wir wollen nicht nur in Köpfe investieren, sondern auch ins Handwerk und vor allem ins Herz.

 

Was die landwirtschaftliche Ausbildung im Land anbelangt, so hört man oft Kritik, sie berücksichtige Aspekte wie das Klima, die Bodenfruchtbarkeit und biologisches wirtschaften zu wenig. Wie gehen Sie damit am Plantahof um?

Wir müssen uns an den Schweizer Lehrplan halten. Aber: Wir konnten schon immer eine separate Bio-Klasse führen. Dann kommt es auch sehr auf die einzelnen Lehrkräfte an. Wir haben die schöne Situation, dass viele von ihnen eigene Biobetriebe führen. Und: So schlecht, wie oft gesagt, ist das Bildungssystem nicht. Bodenfruchtbarkeit und Homöopathie etwa sind Themen, die hier unterrichtet werden, effektive Mikroorganismen (EM) ebenfalls. Man hat schon Spielräume, da legen wir viel Wert drauf.

 

Genügen Ihnen persönlich diese Spielräume?

Wenn ich wünschen könnte, würde ich den Beruf schon anders aufbauen. Ich würde mehr Stoff in die Grundbildung nehmen, den es braucht, um die Sache zu verstehen. Kurz: Ich würde mehr mit den Sinnen arbeiten und weniger mit dem Kopf.

 

Wie erleben sie die jungen Frauen und Männer?

Grundsätzlich bin ich begeistert von den Jungen, das sind aufgestellte Leute. Ich stelle fest, dass das Verständnis für Natur und Tiere stark gewachsen ist.

 

Wo sehen Sie Potenzial in den Tälern für die Bauern?

Ich glaube, dass die Gesellschaft an der Kulturlandschaft hängt und weiterhin möchte, dass man die Landschaft pflegt. Wir sind auf bestem Weg dazu, das mit extensiverer Landwirtschaft und mit mehr Biodiversität umsetzen zu können. Für mich ist es immer wieder fantastisch zu sehen, wie in der Schweiz die kleinräumige Kulturlandschaft lebt. Das ist der Verdienst der Landwirtschaft.

 

Und die Nahrungsmittelproduktion?

Das ist natürlich das zweite Standbein. Hier ist wichtig, dass sowohl die Landwirtschaft wie auch die Konsumentinnen und Konsumenten standortgerecht wirtschaften beziehungsweise einkaufen.

 

Wenn die Bauern für die Pflege der Landschaft bezahlt werden – muss «die Kostenwahrheit für die Lebensmittel» dann doch bei den Konsumentinnen ankommen, wie Sie das immer wieder betonen in Interviews?

Ich frage mich halt, warum Nahrungsmittel so wenig kosten sollen, das ist eine Entgleisung unserer Gesellschaft. Man müsste auch den Zusammenhang zwischen Gesundheitswesen und unserer Fehlernährung besser analysieren. Und Themen wie Foodwaste klarer angehen – wenn wir ressourcenschonender wären, wäre die Preisdiskussion eine andere.

 

Hilft die Regierung auch, das Selbstbewusstsein aufzubauen?

Ja. Wir sind beispielsweise einer der wenigen Kantone, die Richtpreise für Alpprodukte festlegen. Und der Umschwung auf Biolandbau ist nicht nur wegen unserer Situation oder wegen der Bauern passiert, sondern auch, weil die Politik das stark unterstützt hat. Auch im Projekt klimaneutrale Landwirtschaft ist die Regierung involviert.

 

Und wie bringt man die Kostenwahrheit zu den Konsumentinnen und Konsumenten?

In der Theorie ist das immer einfach. Aber wir wissen halt, dass zwischen den Produzenten und den Konsumentinnen die Verarbeiter und die Grossverteiler stehen. Die haben ein wirtschaftliches Interesse daran, dass sich Konsument und Produzentin nicht treffen. Man sollte versuchen, es hinzubringen, dass sich das ändert, dass es etwa Plattformen gibt, wo Verständnis geschaffen wird und direkte Information fliesst.

 

Gibt es da auch Projekte vom Plantahof?

Gemeinsam mit dem Bauernverband bilden wir beispielsweise in Chur Lehrkräfte aus, der Bauernverband hat das Projekt Schule auf dem Bauernhof wieder lanciert, in welchem wir zur Verfügung stehen, um die Bauern dafür auszubilden. Und an unseren Tag der offenen Tür kommen jeweils rund 4000 Menschen auf den Plantahof.  

 

Sie haben vorhin das Projekt Klimabauern angesprochen. Sie setzen da auf so genannte Co-Creation. Was muss man sich darunter vorstellen?

Das Thema ist komplex. Wir möchten, dass Lösungen gefunden werden, die für alle einen Mehrwert generieren und in der Praxis umgesetzt werden können. In der Co-Creation können sowohl Bauern als auch die Wissenschaft ihre Bedürfnisse anmelden und Projekte werden gemeinsam erarbeitet.

 

Was sind die spannendsten Themen in diesem gross angelegten Bündner Freiluftlabor?

Eines der grössten Themen ist sicher die Humuswirtschaft. Das tut auch Not, der Boden ist für die Praxis lange Zeit weit weggerückt und die Forschung hat ihn vernachlässigt, man weiss so viel nicht, was im Boden passiert, etwa über die Kommunikation zwischen Bodenpilz und Pflanzenwurzeln. Da ist so viel Biomasse in einem Kubikmeter  Boden, ein riesiges Potenzial, um neues Wissen zu generieren.

 

Die Betriebe, die nicht mitmachen durften, bekommen die dann auch noch Gelegenheit?

Ja, schon im 2026 wollen wir die Projekte öffnen für alle Betriebe. Man kann aber mit Eigeninitiative jetzt schon anfangen, es gibt auch eine Aufbruchstimmung.

 

Aufbruchstimmung verbreitet ja auch graubündenVIVA. Wie wichtig ist diese Initiative für die Produzentinnen und Produzenten?

Es ist eine einmalige Chance, die der Kanton seiner Bevölkerung (Produzenten, Verarbeiter, Handel und Konsumenten) schenkt. Mit graubündenVIVA platzieren wir unsere Lebensmittel – noch mehr als bislang – in einem ausgewiesenen Qualitätsbereich. Auch die Nachhaltigkeit wird noch zusätzlich gefördert. Das ist für Produzenten und Konsumenten gleichermassen eine tolle Sache.