Geschichte

Einst Gnadenkost, jetzt Edelfutter

Früher nährten Kastanienbäume Arme, heute wecken sie Sehnsüchte nach cucina povera, dienen der Biodiversität und dem Tourismus. Prächtige Selven finden sich im Misox und im Bergell.

 

PAUL IMHOF Als die erste Edelkastanie in unseren Breitengraden zu keimen begann, waren die heutigen Staatsgrenzen so inexistent wie Nebel bei 40 Grad im Schatten. Vor 2000 Jahren herrschten die Römer. Sie waren bemüht, ihren Lebensstil auf den Expansionszügen mitzunehmen. So wurde die Landwirtschaft im Alpenraum modernisiert, der Weinbau fasste Fuss und mancher Baum wie eben die Edelkastanie, Castanea sativa.

Wo aber wuchs der erste Baum? Im Malcantone, im Misox, im Bergell? Oder vielleicht am Genfer- oder Vierwaldstättersee? Man weiss es nicht, auch wenn regional uralte Bäume klassifiziert wurden. Im Misox hat das Eidgenössische Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) 45 Riesenkastanien gezählt, Bäume mit einem Stammumfang von über sieben Metern. Allein an der Flanke des Mont Grand ob Soazza verteilen sich 26 Bäume auf mehrere Selven, Kastanienhaine. «Die langlebigsten Exemplare in Soazza werden auf mindestens 800 Jahre geschätzt», steht in einem Bericht über «Riesenkastanien» des Bündner Amts für Wald und Naturgefahren (August 2016).

Àrbul, der Baum schlechthin

800 Jahre! Als die Maler Cristoforo und Nicolao Seregno 1469 in der Kirche Santa Maria del Castello Mesocco die Monatsbilder ausführten, zwölf Fresken über Leben und Arbeit im 15. Jahrhundert, waren die heute ältesten Kastanienbäume auch schon 250 Jahre alt. Die Oktoberszene, in der ein Bauer mit einem Stecken reife Früchte vom Kastanienbaum schlägt, die seine Frau vom Boden aufsammelt, wirkt wie eine Hommage an das karge Leben im Tal der Moesa – und wie das Resultat einer direkten Eingebung, denn die Selven von Soazza befinden sich bloss ein paar Kilometer Luftlinie entfernt.

Kastanien waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Tälern der Südschweiz ein Grundnahrungsmittel. Die meisten Familien waren wenig begütert. Fleisch und Käse wurden verkauft, der Rest der landwirtschaftlichen Produkte reichte oft nicht einmal für den Eigenbedarf. Im Winter garantierte die Kastanie ihr Überleben – kein Wunder, nannte man sie «árbul», Baum schlechthin. Und so ass man eben drei, vier Monate lang Kastanien, «frühmorgens, mittags und abends», wie der Tessiner Schriftsteller Plinio Martini schrieb («Al fondo del sacco», 1970).

Die Selven wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend sich selbst überlassen. Technischer Fortschritt, neue Arbeitsplätze und bessere Verkehrsverbindungen förderten Konjunktur und Lebensstandard, auch in abgelegenen Tälern. Wie überall, wo die Natur nicht mehr bearbeitet und gemanagt wird, rekonstruiert sie ihre ursprünglichen Verhältnisse. Die Selven, als Waldplantagen angelegt und gepflegt, wurden von anderen Baumarten wie Birke und Fichte bedrängt. Dieser Dichtestress schmeckt einem árbul überhaupt nicht, er verhält sich von Natur aus wie ein Dorfkönig, braucht Raum und Licht. Doch in der wilden Rückeroberung drohte er zu ersticken.

In den 1980er-Jahren zeichnete sich eine Trendwende ab. Die Überwucherung der Selven wurde zunehmend als Verlust empfunden, Menschen, die aus den Tälern in die Städte gezogen waren, erinnerten sich an die einfachen Gerichte der Kindheit, an geröstete Marroni frisch ab Glut, an den Duft mit Speck gekochter Kastanien, an Brot und Kuchen aus Kastanienmehl – und an ein Landschaftsbild, in dem die Selven noch zu erkennen waren. Ende der 1990er-Jahre begann man, die Selven am Mont Grand wiederherzustellen. Heute sind knapp 15 Hektaren wieder lichte Kastanienwälder, in denen die Methusalems wie in einer Altersresidenz leben.

Mächtige Kronen, gewundene Äste

Im Bergell zeigten sich Hinwendungen zum alten landwirtschaftlichen Erbe schon früher. «Die vielen Edelkastanienbäume in den idyllischen Zonen von Brentan und Plazza (zwischen Castasegna und Soglio) locken den Naturfreund ebenfalls an», steht im Buch «Das Bergell sehen-kennen-erleben» (1981). «Im Sommer sind es ihre weit ausladenden, mächtigen Kronen; im Winter ihre gewundenen Äste, die der Landschaft einen ganz besonderen Reiz verleihen. Auch die niedlichen Kastanien-Dörrhütten verschönern das Ortsbild.»

Heute hat sich die Einstellung verändert. Weite Flächen der Selven sind zwar verschwunden, doch die verbliebenen werden geschätzt und aus der Gnadenkost von einst ist Edelfutter geworden. Wenn sich ältere Menschen nur mit Widerwillen erinnern, dass es einen Winter lang Kastanien zu essen gab, so ist die «cucina povera» heute, in Zeiten ungezügelten Überflusses, zu einem Sehnsuchtsmahl geworden. Der urbane Konsument, der sich täglich im Supermarkt mit Sushi vollstopfen kann, träumt vom Ursprünglichen, Traditionellen.

1998 publizierte der Calanda Verlag ein Büchlein mit dem Titel «Kochen/Backen nach Rezepten aus dem Bergell», in dem die Kas-tanie ein eigenes Kapitel über Wesen und Nutzen erhalten hat. «Von einer industriellen Gewinnung kann nicht die Rede sein», lautet das Fazit, «die Zukunftsaussichten für die Kastanie sind aber erfreulich». Tatsächlich sind die Selven ein touristisches Highlight im Bergell. In Brentan oberhalb von Castasegna ist ein Kastanienlehrpfad erstellt worden, den der Schweizerische Heimatschutz in seinem neusten Wanderführer durch Kulturlandschaften integriert hat («Süsse Früchte, goldenes Korn», 2019), im Oktober lädt das Tal zum Kastanienfestival ein, und nicht zu vergessen sind die Produkte, die angeboten werden. Von Pasta bis Mehl, Kastanienbier und Kastanienschnaps.

Wunderbarer Kastanienhonig

Im Misox gibt es noch kein ausgefeiltes Kastanienprogramm wie im Bergell, doch die «Fondazione Paesaggio Mont Grand a Soazza» kann auf 15 Hektaren restaurierte, gut erschlossene Selven verweisen. In der Selve Nosal-Rolet hat sie ausgediente Rustici zu einem didaktischen Zentrum ausgebaut, wo Gruppen übernachten, kochen und essen, in der Selve arbeiten und alles erfahren können, was es über Kastanien zu wissen gibt.

Natürlich besuchen auch Bienen die Kastanienbäume. Ihr Honig ist 2015 vom Biologischen Institut für Pollenanalyse in Kehrsatz als «ein wunderbarer Honig» taxiert worden. Mit Kastanientracht als Leitpollen, assistiert von Linden-, Alpenrosen- und Himbeerblütentracht sowie gut 20 weiteren Einzelpollen.

Der Kastanienhonig ist je nach Menge und Saison bei der Fondazione und bei Alpinavera erhältlich. Im Bergell findet man in Restaurants und Geschäften heimische Kastaniengerichte bzw. Produkte wie fiocchi di castagne, tagliatelle di castagne, manestra con furmentin (Suppe mit Kastaniengnocchi) sowie Gebäcke und Getränke wie licör da castagna oder Acqua castanea, ein Rasierwasser. Auch ausserhalb des Bergells bieten spezialisierte Läden oft solche Produkte an.