Früher nährten Kastanienbäume Arme, heute wecken sie Sehnsüchte nach der »cucina povera», dienen der Biodiversität und dem Tourismus. Einige der prächtigsten Selven - Kastanienbäume - finden sich im Misox und im Bergell.

 

Als die erste Edelkastanie in unseren Breitengraden zu keimen begann, waren die heutigen Staatsgrenzen inexistent. Vor 2000 Jahren herrschten die Römer. Sie waren bemüht, ihren Lebensstil auf den Reisen mitzunehmen. So wurde die Landwirtschaft im Alpenraum modernisiert, der Weinbau fasste Fuss und mancher Baum wie eben die Edelkastanie. Wo der erste Kastanienbaum wuchs? Man weiss es nicht, auch wenn in Graubünden uralte Bäume klassifiziert wurden. Im Misox hat das eidgenössische Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft  insgesamt 45 Riesenkastanien gezählt. Dass sind Bäume mit einem Stammumfang von über sieben Metern. «Die langlebigsten Exemplare werden auf mindestens 800 Jahre geschätzt», steht in einem Bericht über die Riesenkastanien».

Zu essen gab es Kastanien. Jeden Tag.

Kastanien waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Tälern der Südschweiz ein Grundnahrungsmittel. Fleisch und Käse wurden verkauft, der Rest der landwirtschaftlichen Produkte reichte oft nicht einmal für den Eigenbedarf. Im Winter garantierte die Kastanie den Menschen ihr Überleben. Und so ass man eben drei, vier Monate lang Kastanien - frühmorgens, mittags und abends.

Mächtige Kronen, gewundene Äste - was für ein Anblick

Besonders in Vastasegna und Soglio locken die Edelkastanienbäume auch Naturfreunde an: Im Sommer sind es ihre weit ausladenden, mächtigen Kronen; im Winter ihre gewundenen Äste, die der Landschaft einen ganz besonderen Reiz verleihen. Auch die niedlichen Kastanien-Dörrhütten verschönern das Ortsbild.

 

Heute sind weite Flächen der Selven zwar verschwunden, doch die verbliebenen werden geschätzt und aus der Gnadenkost von einst ist Edelfutter geworden. Wenn sich ältere Menschen nur mit Widerwillen erinnern, dass es einen Winter lang Kastanien zu essen gab, so ist die «cucina povera» heute, in Zeiten ungezügelten Überflusses, zu einem Sehnsuchtsmahl geworden. Der urbane Konsument, der sich täglich im Supermarkt mit Sushi vollstopfen kann, träumt vom Ursprünglichen, Traditionellen. Im Bergell findet man eine unglaubliche Vielfalt an Kastanienproduktionen und Gerichten: Kastanien-Tagliatelle, Suppe, Kastaniengnocchi, Gebäcke, Likör oder sogar ein Kastanienrasierwasser.