Geschichte

Als Schlussbouquet die Alpenrosen

Unterschiedliche Höhen und Klimas der Berglandschaft sowie reiche Artenvielfalt sind die Basis für charakteristischen Honig. Zum Beispiel im Val Müstair.

«Bienenschutz vor Bären»

Es dürfte das exklusivste Antragsformular sein, welches das Landwirtschaftliche Kompetenzzentrum Plantahof in Landquart zu bieten hat: «Bienenschutz vor Bären». Das Bundesamt für Umwelt fördere generell «technische Herdenschutzmassnahmen» und unterstütze auch «die Imker beim elektrischen Einzäunen von Bienenständen oder Bienenhäusern im potenziellen Verbreitungsgebiet des Braunbären».

Reicht das? «Der Bär war und ist manchmal auch im Münstertal», erzählt David Conradin von der Bio-Imkerei Conradin in Santa Maria Val Müstair. «Meine Bienen hat er jedenfalls nicht besucht.» Nicht in Lüsai und nicht in Santa Maria, «vielleicht wegen der Schutzzäune», ausserdem befinden sich die Bienenhäuser in Santa Maria nahe beim Dorf. Ein mannshoher Maschendraht zäunt das Wiesenstück ein, in dem der imposante Komplex, eine wahre Bienenfestung mit Platz für 110 Völker, steht.

Langjährige Erfahrung

Mario Conradin, 86 Jahre alt, hat vor 72 Jahren mit der Imkerei begonnen, «nicht nur wegen der Bienen, mich interessierten Insekten generell». Am Ende seines Berufslebens war Conradin Wächter im Nationalpark. Auch Sohn David betreibt die Imkerei als Nebenerwerb. «Vom frühen Morgen bis zum Mittag fahre ich im Kleinbus für eine Bäckerei Waren aus, am Nachmittag kümmere ich mich um die Bienen», erklärt er.

Auch wenn der Platz derzeit nur zu etwas mehr als der Hälfte ausgelastet ist, verlangen die 60 Völker Aufmerksamkeit und Hinwendung. Ein Bär kann zwar mit seiner Lust auf Honig ein Bienenhaus kaputt machen, doch das ist ein begrenzter Schaden – ganz anders wirkt sich die Varroamilbe aus, «die ist immer überall, die ist nicht auszurotten», sagt David Conradin. So lebt er nicht nur mit den Bienen, sondern auch mit den Schädlingen, die er stets im Auge behalten und bekämpfen muss, ohne selber Schaden anzurichten.

Conradin rückt den Milben mit Ameisensäure zu Leibe. Dabei muss er aufpassen, dass die Säure weder zu scharf noch zu mild ist. Auf dem Spiel stehen nicht nur die Bienen, sondern auch ihr wichtigstes Produkt, der Honig. Um Königin und Nachwuchs nicht zu gefährden, filtert die Biene möglichst alle Schadstoffe aus der Tracht. «Allerdings ist dieser Filter nie 100-prozentig und vermutlich substanzabhängig», so die Auskunft vom Zentrum für Bienenforschung der Agroscope in Liebefeld.

Eine reiche Auswahl an Tracht

Gegen 5000 Pflanzenarten sind im ganzen Alpenraum bestimmt worden, das reicht für manche exzellente Honigkombination. Auch wenn im Val Müstair kaum alle identifizierten Pflanzen vorkommen dürften, bietet das Tal, seit 2010 als Biosfera Val Müstair (mit knapp 200 km²) bei der Unesco registriert, eine reiche Auswahl an Tracht – allein auf den bewirtschafteten Bergwiesen sind über 150 Arten gefunden worden. Die unterschiedlichen Höhen- und Klimazonen in den Bergen erlauben raffiniertere Honigzusammensetzungen als im Flachland, auch ist die Landschaft längst nicht so kleinräumig oder übernutzt wie etwa entlang der A1. Solche Vorteile werten den Alpenhonig auf, man könnte die Etiketten mit Pollenanalysen versehen und auf den Artenreichtum hinweisen.

Doch die Conradins halten es bescheiden. «Bündner Bio-Bienenhonig» und «Mel biologic d’aviöls Grischun Val Müstair» deklariert ihre Etikette den Inhalt des Glases ohne vertiefte Präzisierung. «Es ist ein Blütenhonig», hält Mario Conradin fest, «im Juli besuchen die Bienen noch die Alpenrosen im Umbrail-Tal, nachher ist Schluss.» Und vorher: «Wir haben viele Blumen hier», so David Conradin, «da ist alles reingemischt, früh der Löwenzahn, dann weiter, was sonst noch wächst.» Bis zum Schlussbouquet Alpenrose. Sie mag Conradins Honig wie ein Finish veredeln, aber nicht dominieren. Das Werk der Bienen ist eine Assemblage. Sie verkörpert das Val Müstair.