Geschichte

Wilde Küche

«Finden statt suchen» ist das Motto von Gina Chiara, wenn sie zur Wildkräuter-Tavolata in Almens lädt.

Ihre sizilianischen Wurzeln brachten Gina Chiara ursprünglich zu den Wildgemüsen. «Die Familie meines Vaters ging stets in die Natur und kam mit vielen Lebensmitteln wieder nach Hause», erinnert sie sich an Ferien in Italien. «Das wollte ich auch.» 

«Ich bediene mich bei dem, was die Natur für
mich bereit hält.»

Sie merkte, dass in der Schweiz, in ihrer Region, zwar keine wilden Spargeln wachsen – aber ganz viele andere Kräuter und Wildgemüse. So begann sie ihr Wildpflanzenwissen zu erweitern. Mit Literatur, im Austausch mit Experten und Expertinnen wie Meret Bissegger aus dem Tessin. Erst seit Kurzem besucht Gina Chiara eine botanische Weiterbildung.

Sammeln für die Unabhängigkeit

Nicht nur ein Zurück zu ihren Wurzeln war das Wildgemüsesammeln für sie, sondern es bedeutet mittlerweile auch ein Stück Unabhängigkeit. «Ich wohne in Almens, fahre aber nicht Auto», sagt sie. «So hole ich mir ganz einfach das Gemüse, das vor der Haustüre wächst.» Früher verkaufte sie Wildgemüseprodukte auf dem Markt. Dafür musste sie aber grössere Mengen ernten, was ihr irgendwann nicht mehr so gefiel: «Heute sammle ich einfach, solange es mir Freude macht.» Auch bei den Tavolatas, die sie von Zeit zu Zeit organisiert, steht die Lust am Machen im Vordergrund. So bewirbt sie diese nicht, Gina Chiara wird weiterempfohlen, sie ist quasi ein bündnerischer Geheimtipp.

Schatz für Spitzenköche

Wer sich zur Tavolata anmeldet, lässt sich auf die Köchin und Künstlerin ein. Es kommt auf den Tisch, was sie kreiert rund um das, was gerade wächst in der Natur. Selbstverständlich können Unverträglichkeiten gemeldet werden, auch eine vegetarische Option ist für die Tavolata immer vorhanden – ohnehin kocht die Wildgemüseexpertin gern und viel fleischlos. Das wenige Fleisch bringt der Jäger aus dem Dorf und für die Weine ist ihr Mann Urs Chiara zuständig, der ein passionierter Weinliebhaber mit stattlichem Keller ist. Das Wissen von Gina Chiara ist auch ein Schatz für die Spitzenköche Graubündens. So war sie schon mit der Küchencrew von Dreisternekoch Andreas Caminada von Schloss Schauenstein auf Kräuterpirsch. Oder mit Rebecca Clopath. Die avantgardistische Köchin aus Lohn wurde durch ein Erlebnis bei Gina Chiara geprägt: «Meine Eltern schenkten mir zu meinem 15. Geburtstag ein Essen bei ihr – seit da wusste ich, dass ich mit Wildkräutern arbeiten will», erzählt Rebecca Clopath.

Faszination fürs Finden

2019 feiert Gina Chiara ihr 20-Jahr-Jubiläum für die Tavolatas. Angefangen hat alles mit ausgedehnten kulinarischen Einladungen für Freunde. Diese waren so begeistert, dass sie Gina Chiara ermutigten, mehr aus ihrem Pflanzenwissen und ihren kulinarischen Fähigkeiten zu machen. Und so kochte sie dann einige Male sogar in einem Restaurant. Mittlerweile jedoch ist ihr altes, von Wiesen, Hecken und Garten gesäumtes Haus Schauplatz für die Wildgemüse-Tavolatas. Unverändert geblieben in all den Jahren ist ihre Faszination für das, was sie findet und nicht suchen muss. Nicht nur bei den Wildkräutern, auch in ihren Kunstprojekten erstellt sie Installationen aus Dingen, die ihr bei Spaziergängen begegnen. Für den Alltag näht sie Kleider aus Stoffen, die schon da sind. «Ich gehe kaum je irgendwo hin und kaufe gezielt ein – vielmehr bediene ich mich bei dem, was ich schon habe oder was die Natur für mich bereithält.» Ein Stück dieser wohltuenden Unmittelbarkeit erlebt man dann auch als Gast an ihren Tavolata.

Essen – Bei Gina Chiara in Almens am Tisch Platz nehmen, nur auf Voranmeldung.

Auch bei Rebecca Clopath in Lohn kommt bei der Veranstaltungsreihe «Esswahrnehmungen» Wildes auf den Tisch.