Geschichte

Fisch der Alpen

Eine Fischzucht hoch oben im Berggebiet. Curdin Capeder mag das Aussergewöhnliche.

Curdin Capeder ist Bergbauer. Einer, der seinen eigenen Weg geht. Er verliert, zumindest bei einer ersten Begegnung, kaum ein Wort zu viel. Auch blitzt sein Humor erst nach einer Weile auf. Zuerst mustert er sein Gegenüber skeptisch. Und doch ist er kein Engstirniger, sondern einer, der über den Gartenzaun schaut. Er sagt: «Die Idee einer Fischzucht entstand bei einem Aufenthalt im nahen Ausland». Da habe er eine solche Zucht gesehen und sich gedacht, das könnte doch auch bei ihm im Val Lumnezia funktionieren.

Ein Bergbauer und Querdenker

Seine Fischteiche liegen wenige Fahrminuten von seinem Hof in Cumbel entfernt, am Ufer des Bachs Aua da Silgin. Die Fahrt dahin führt über gewundene Strassen ins Tal runter, über den Glogn-Bach und auf der anderen Seite hoch zum Weiler Silgin. Unterwegs erzählt er, dass sie inzwischen jährlich vier bis fünf Tonnen Saiblinge aufziehen. Das sind gegen 20 000 Fische. Eine stattliche Zahl. Eine Fischzucht, mitten im alpinen Raum, klingt abenteuerlich. Capeder erklärt, es habe einen entscheidenden Vorteil, auf rund 1200 Metern über Meer eine Fischzucht zu betreiben: Hier fliesst frisches, kühles Bergwasser durch die Teiche, das noch kaum schädliche Bakterien enthalte. Dazu komme: «dass ich gerne etwas unkonventionell bin».

«Ja, er ist ein richtiger Bergler», sagt Sarah Capeder.

 

In Silgin verlässt man die Strasse. Schnell wird klar, den Zugang zu den Teichen meistert nur ein geübter Fahrer. Rechts geht’s steil den Hang hoch. Links darf man kaum runterschauen, derart steil fällt die Böschung neben der Landwirtschaftsstrasse leitplankenlos ab. Doch Capeder fährt rasant und sicher die Strasse runter zu seiner Fischzucht. Er ist eben ein waschechter Oberländer. «Ja, er ist ein richtiger Bergler», sagt auch Capeders Frau Sarah später. Die aufgestellte Zürcherin und der Bündner Landwirt lernten sich kennen, als dieser auf einem Bauernhof am Uetliberg arbeitete. «Und ein schöner Mann dazu », ergänzt sie lachend. Sie zog mit ihm ins Lugnez nach Cumbel. Hier wohnen sie zusammen mit Capeders Eltern und ihren Kindern in einem Mehrfamilienhaus. Und hier ging Curdin Capeders Kindheitswunsch in Erfüllung: «Ich wollte schon immer in meiner Heimat Bauern». Sein Grossvater, ebenfalls Landwirt, war sein Vorbild.

Im Einklang mit der Natur

Im Val Silgin angekommen, erblickt man die Fischzucht – es sind insgesamt vier Teiche. Das Tal ist hier eng, in Richtung Norden thront das Dorf Lumbrein über der Schlucht, im Rücken ragt der Piz Regina. Nur das Rauschen des Bachs ist zu hören. Capeder arbeitet gerne draussen in der Natur. «Und ich arbeite gerne mit der Natur», sagt er. Denn die Natur sei wild, nicht immer beeinflussbar. Es passt zu ihm. Er sagt von sich, dass er einer sei, der Herausforderungen schätze. «Ich eignete mir das gesamte Wissen über die Fischzucht selber an». Sowas müsse man mögen, ansonsten sei ein solches Projekt nicht umsetzbar. Die Saiblinge, ob ganz, als Filets, kalt oder heiss geräuchert, verkauft er an Private und an Gastrobetriebe in der Region. In Chur und in Valgronda führt die Familie je einen Hofladen. Nebst Fischen bieten sie Fleisch von den eigenen Angusrindern und Hühnern an. Aber auch allerlei Feinkost aus der Bergregion: Honig, Gin, Konfitüren, Mehl oder Teigwaren. Was denn das Wichtigste sei, um hochwertige Produkte zu erzeugen? Seine Antwort ist klar: «Qualität hängt immer vom Wohlbefinden des Tieres ab». Und Mensch und Tier scheinen es hier richtig gut zu haben. Im Tal des Lichts. Diesem sonnenverwöhnten Ort.

Essen — Curdin und Sarah Capeder bieten in ihrem Hofladen in Cumbel Produkte ihres Biohofs an. Und auf Voranmeldung, bei mindestens vier Personen, tischen sie in ihrer kleinen Beiz A Meisa Mehrgänger aus regionalen Erzeugnissen auf.