Geschichte

Das Wunderding

Das Mehl, das Brot, das Licht. Die Mühle in Promontogno ist ein Kleinod mit viel Geschichte.

Spricht Gian Andrea Scartazzini von seiner Mühle, dann klingt das schon fast, als würde er von einem Familienmitglied erzählen. Und eigentlich ist dieser Eindruck auch gar nicht so verkehrt. Denn die Mühle, die in Promontogno am Ufer des Flusses Maira liegt, gehört schon lange, sehr lange seiner Familie. Vor über 300 Jahren, 1680, wird sie in Quellen zum ersten Mal erwähnt und seit jeher ist sie im Besitz der Scartazzinis. Übergibt Gian Andrea Scartazzini den Schlüssel zur Mühle in ein paar Jahren seinen beiden Söhnen Giulio und Vittorio, werden sie die zehnte Generation sein, die die Mulin Scartazzini in die Zukunft führt.

«Zukunft», das ist ein besonderes Wort an diesem Ort im Bergell. Denn in ihr ist hier viel Vergangenheit verwoben. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein – in einer Ära, in der jedes Dorf noch seine eigene Dorfmühle hatte und das Getreide mit dem Pferdegespann zum Mahlen gebracht wurde. Heute ist die Mulin Scartazzini neben der Molino e Pastificio SA in Poschiavo die einzige Mühle, die in Graubünden noch in Betrieb ist. Eine alte, zuverlässige Dame, deren Gesang ein lautes Rattern und Knattern ist und die in ihrem Bauch viel Nostalgie in Form alter mechanischer Maschinen beherbergt. «Das ist die einzige Elektronik», schmunzelt Gian Andrea Scartazzini und zeigt auf einen einfachen Steuerkasten, der an der Holzwand befestigt ist. Wer die Mühle betritt, wandert in eine andere Welt.

Tüftlender Müller

Aus dieser Welt weiss Gian Andrea Scartazzini viel zu erzählen. Von seinem Urgrossvater etwa, der ein begnadeter Müller und gleichzeitig auch ein Tüftler mit Weitsicht war. 1898 ersetzte er das Wasserrad durch eine geschlossene Turbine und produzierte mit dieser bald auch Strom. So lieferte die Mühle nicht nur das Mehl für das Brot, sondern brachte zugleich Licht ins abgelegene Tal. «Und das, bevor alle Teile der Stadt Zürich mit Elektrizität versorgt waren», fügt Gian Andrea Scartazzini stolz hinzu.

Vielfalt statt Menge

Doch «Zukunft» bedeutet auch «Gegenwart». Schon jetzt arbeitet Vittorio in der Mühle mit. Wie einst der Vater, ist auch er vom kleinen Tal ausgezogen, um das Handwerk des Müllermeisters in grossen Mühlen zu lernen. In solchen, die an einem Tag ein Mehrfaches davon produzieren, was ihre Mühle in einem Jahr herstellt. Und wie der Vater, ist auch er ins Bergell zurückgekehrt. «Um das Wissen in unserer eigenen kleinen Mühle anzuwenden», wie Gian Andrea Scartazzini es liebevoll formuliert. Rund 250 Tonnen Mehl und Getreideprodukte stellen sie in der Mühle jährlich her – mehrheitlich für Gran Alpin –, aufgeteilt in rund 15 verschiedene Mehlsorten- und Mischungen, die so bodenständige Namen tragen wie «Unterengadiner Mehl» oder «Münstertaler Mehl».

Mit der Produktion verschiedener Mehle in kleinen Mengen haben die Scartazzinis eine Nische gefunden, die ihrem nostalgischen Kleinod hilft, neben den grossen Mühlen bestehen zu können. Zudem gehört ein Laden zum Familienbetrieb sowie eine kleine Backstube, in der nachts, wenn die Mühle schläft, ein Bäcker Brot und heimische Süss-Spezialitäten zaubert. Daneben hat Giulio begonnen, Hühner zu halten, um mit ihren Eiern und dem eigenen Mehl verschiedene Pastasorten zu kreieren, beispielsweise mit Kastanien. Damit hat er eine Tradition wieder aufleben lassen, die 1927 aufgegeben wurde, als der Produktionsraum überschwemmt wurde. Die Teigwaren bringen nun ein Stück Bergell aus dem Tal hinaus und sie stehen sinnbildlich für das, was die Mühle ist: Ein Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Entdecken — Führung in der Mühle in Promontogno ab vier Personen auf Voranmeldung, CHF 10.– pro Person. Auch die Muglin Mall im Val Müstair und die Mulino Aino in der Valposchiavo bieten Führungen an.