Geschichte

Jungbrunnen auf Refontana

Zurück zu normalen Proportionen: Auf dem Hof Refontana im Val Calanca betreiben Katrin Stoll und Roland Wiederkehr Landwirtschaft mit Widerhall, nachhaltig und natürlich.

Mit seinem Volumen passt Schellenursli knapp in die Kabine. Sein Gastgeber drückt den Knopf und zieht sich zurück, die Gondel hebt ab und gleitet mit ihrem Touristen von Arvigo nach Braggio hinauf.

«Ein Sextourist», erklärt Roland Wiederkehr, Gastgeber des schweren Kalibers. «Ein Mietstier», präzisiert der Bergbauer. «Schellenursli hat drei Monate Zeit, meine Kühe zu decken.» Er stammt aus einem Pool der Grauviehgenossenschaft.

Nun steht Schellenursli entspannt inmitten seines temporären Harems. An diesem 2. Januar ist seine Arbeit fast erledigt. Die Stimmung in der kleinen Herde ist entspannt. Die Sonne scheint auf die Tiere und die Azienda Refontana am Rand des Dorfes Braggio. Der Boden ist trocken, im hellen Licht schimmern die Pflanzen in der Winterruhe. «Regen hat einen Meter Schnee weggeschwemmt», erzählt Katrin Stoll, Wiederkehrs Partnerin. Sie ist Gärtnerin und Bäuerin aus dem Kanton Bern, er Mechaniker und Landwirt aus dem Aargau. Beide haben noch eine weitere Ausbildung, sie als Sozialpädagogin, er als Lehrer.

Roland Wiederkehr lebt seit bald 40 Jahren im Calancatal. Zuerst als Ziegenhirt auf der Alp de Naucal, dann hat er 1987 begonnen, in Braggio auf 1300 Meter Höhe Refontana aufzubauen. «Man macht immer irgendetwas», sagt er, «da ist viel Leidenschaft.» Und viel hausgemacht: Der Stall, die Ferienwohnung, die Schreinerei und seit gut fünf Jahren «die hängenden Gärten von Braggio-Refontana», Katrins Herzensangelegenheit.

Gegen 15 Aren bedecken Gartenflächen auf drei, vier Terrassen, die von Trockenmauern gehalten werden, aufgeschichtet dem Verlauf des Geländes entsprechend mit Felsbrocken, die der Boden hergibt. Wiederkehr pflanzt Obstbäume wie Damassine, Stoll Gemüse, Kräuter und Blumen, die von der Wärme profitieren, die in den Trockenmauern gespeichert wird. Tee, Sirup und Konfitüren verkauft Katrin Stoll per Internet oder direkt.


In Zeiten der steigenden Kritik an Nutztierhaltung und Fleischkonsum wirkt die Haltung der Kühe und Kälber auf Refontana beispielhaft. Die Tiere der Rasse Rätisches Grauvieh wachsen in Mutterkuhhaltung auf. Anfang Jahr stehen neun Kühe und sieben Kälber im Hof vor dem Stall. Die älteste Kuh ist 18 Jahre alt – ein Wunder, wenn man bedenkt, dass Kühe heute im Alter von drei bis sieben Jahren ausgemustert werden. Im 19. Jahrhundert erreichten Kühe mit genügend Alpaufenthalt, so Friedrich von Tschudi in seinem Buch «Das Thierleben der Alpenwelt» von 1875, «ein Alter von 25 – 40 Jahren». «Sie nimmt nicht mehr auf», sagt Wiederkehr über seine Veteranin, «aber sie erhält noch eine zweite Chance.»

Anfang Juni ziehen die trächtigen Kühe auf die Alp, Anfang September kehren sie zurück und gebären auf der Weide in Hofnähe ihre Kälber. Sieben Monate darf der Nachwuchs Milch saugen und Gras fressen, dann wird die Milch abgesetzt und verkäst. «Unser Kalbfleisch ist etwas rötlich, vergleichbar mit Vitellone», sagt Wiederkehr. Er schlachtet auf Bestellung, tötet die sechs bis sieben Monate alten Kälber selber und überlässt das Zerlegen dem Störmetzger. Den Zerlegungsraum hat er extra bauen müssen, «die Vorschriften werden immer strenger, EU-Lebensmittelrecht …». Dafür stimmen die Verhältnisse. «Wir haben nie zu viel Fleisch und nie zu wenig.» Gut 120 Kunden lassen sich Jahr für Jahr Fleisch per Expresspost schicken.

Und der Verdienst? «Eher ideell», sagt Wiederkehr. «Aber er bleibt hier. Das Tier kommt hier auf die Welt und wird hier getötet. Der einzige Stress, den die Kälber erleben, ist der Strick, an dem sie die letzten 50 Meter vor dem Schlachten zurücklegen müssen.»

«Wir machen etwas aus dem, was da ist», bringt Katrin Stoll das Leben auf dem Hof Refontana auf den Punkt. «Was man hier anbauen und sammeln kann. Wir wollen möglichst unabhängig sein.»

Ein Kreislauf. Es klingt fast idyllisch. Doch die Idylle lockt auch Gäste an, die nur auf den ersten Blick zur bukolischen Erbauung beitragen. Refontana erhält gelegentlich Besuch von Hirschen, «ganzen Rudeln. Die fressen alles» und können den Hirschbandwurm übertragen. Das bedeutet Ärger und Mehrarbeit – doch hin und wieder auch Heiterkeit. «Plötzlich standen zwei Hirsche einen Meter vor dem Schlafzimmerfenster und frassen an den Rosenstöcken. Einer war wunderschön mit einem kapitalen Geweih.»