Geschichte

Altes Gespenst, frischer Geist

Die erste Begegnung liegt gut zehn Jahre zurück. Damals erzählte Helene von Gugelberg, wie sie sich nach der Übernahme des Familienguts Schloss Salenegg überlegt habe, was sie nun tun solle: «Verwalten oder gestalten?» Wirft man heute einen Blick auf die Angebote des Maienfelder Weinguts, ist sofort klar, wofür von Gugelberg sich nach dem Tod ihres Vater 1997 entschieden hatte.

Zuerst baute sie mit ihrem damaligen Kellermeister die Weinpalette aus. «Bei uns gab es immer nur einen Rotwein, den traditionellen Blauburgunder aus grossen Holzfässern. Doch mir wurde klar, dass Kunden eine Auswahl wünschen. Ich stellte mir vor, dass wir Weine als Begleiter eines mehrgängigen Menüs keltern sollten.» Ein Menü mit fünf Gängen: zum Apéro Les Etincelles, Blanc de blancs Méthode traditionelle aus Chardonnay, zur Vorspeise die Cuvée blanche aus weiss gepressten Blauburgundertrauben und einem Teil Chardonnay, zum Fisch Chardonnay Barrique, zu Hauptgang und Käse dann die beiden Roten, Blauburgunder traditionell und Pinot Noir Barrique.

Die Rebfläche von 11,5 Hektar gehört in der Schweiz zu den grösseren. Platz genug, um die Palette weiter zu verfeinern: mit Blauburgunder-Rosé und einem Rosé aus gemischtem Satz, weiter mit AMBE, einer Cuvée verschiedener Pinots der gleichen Lage, jedoch unterschiedlich ausgebaut und aus verschiedenen Jahrgängen, sowie Cuvée rouge aus Zweigelt und Merlot. Und zur Vollendung Le Soleil d’Ulysse, der Dessertwein, Pinot Noir mit abgebrochener Gärung, süss ausgebaut und mit eigenem Pinot-Brand abgerundet.

Um ein Haus mit 79 Räumen vom Gartenhäuschen bis zur Turmkammer erfolgreich zu führen, brauchte es weitere Ideen – auch wenn nur 27 Zimmer bewohnbar sind. Von Gugelberg begann, die Früchte des Guts zu feinstem Essig zu veredeln. Wein und Essig – ein Spiel mit dem Feuer. Neben dem Ziel, ein zweites, von Jahrgangs- und andern Naturrisiken abgekoppel-tes Standbein aufzubauen, wollte die Schlossherrin den Gärprozess studieren. Als Absolventin der Lausanner Hotelfachschule war sie zwar mit Wein vertraut, aber vor allem auf gastronomischer Ebene, nicht auf önologischer. Das Wesen der Fermentation erkunden kann sie «beim Wein einmal im Jahr, beim Essig aber so oft ich will». Mittlerweile ist das Standbein auf vier Sorten zum Trinken und 17 Sorten für die Küche angewachsen – von Aprikose, Bärlauch oder Ingwer bis Tannenschössling und Zwetschge.


Vom Nebenerwerb zum Vollbetrieb

Mit Verjus, dem säuerlichen Saft grüner Trauben, mit süssem Traubensaft und Balsam, Bränden und Traubenkernöl schöpft die junge Crew auf Schloss Salengg das Potenzial des alten Guts in aller Breite und Tiefe aus.

Helene von Gugelberg bleibt mit ihrer Geschäftspolitik einem Grundsatz treu, den ihr Grossvater Hans Luzius von Gugelberg im «Buch vom Schweizer Wein», erschienen 1943, im Kapitel «Graubünden als Weinland» geschrieben hat: «Im Bündner Rheintal setzt man sich besonders auch dafür ein, wieder mehr Verständnis für Qualität, die Verschiedenheit der einzelnen Jahrgänge und den Ausbau des Weines zu wecken; es soll verhindert werden, dass ein ‹Einheitstyp› eines stets gleichbleibenden Herrschäftlers zum Ausschank gelangt.»

Als Oberst von Gugelberg diese Zeilen schrieb, wurde der Weinbau in der Herrschaft quasi komplett als Nebenerwerb betrieben. Die einen waren Bauern mit Vieh und Ackerbau, andere hegten ihre Rebstöcke neben ihrer täglichen Arbeit, andere waren Grundherren mit öffentlichen Aufgaben und schickten Angestellte ans Werk.

Wie auf dem Boden von Salenegg, den einst die Mönche im Kloster Pfäfers entdeckt und um 950 mit Reben bestockt hatten. Im 14. Jahrhundert kam der Besitz in weltliche Hände. 1654 verkauften ihn die Töchter von Ritter Molina, der als Gespenst immer noch fragt, «bin ich zu schwer in meinem Sarg?», an Hans Luzi Gugelberg von Moos, Landeshauptmann im Veltlin und Stadtvogt in Maienfeld. Schloss Salenegg gilt als ältestes, durchgehend bewirtschaftetes Weingut Europas.

Ebenfalls im 17. Jahrhundert brachten Reisläufer die Burgunderrebe ins Rheintal. Vorher kelterten die Winzer nur weisse Sorten wie Elbling, weisser Veltliner, Heunisch und Completer, der in jüngster Zeit wieder auffallend Zuspruch erhält.

Helene von Gugelberg gehört mit Annatina Pelizzatti und Irene Grünenfelder zu den ersten Frauen, die in der Herrschaft ein Weingut führen. Den Kranz der Pionierin windet sie freilich Dorothea von Sprecher. «Noch zu einer Zeit, in der man glaubte, Frauen nicht ernst nehmen zu müssen, lebte Dorothea bereits vom und für den Weinbau.»