Geschichte

Harren am Tobelrand

Jagen in den Bergen bedeutet den Einheimischen ein traditionelles Grundrecht, auch in modernen Zeiten. Bericht vom Warten auf eine Steingeiss am Calanda.

An diesem Freitagabend Anfang Oktober ist Johann-Baptista von Tscharner voll damit beschäftigt, frisch gelesene Trauben in den Verarbeitungsprozess zu schleusen. Gegen 20 Uhr wird noch eine weitere Charge angeliefert. Vater Gian-Battista, eloquenter Patron auf Schloss Reichenau, dreht mit dem Gabelstapler Pirouetten vor dem Weinkeller und verschiebt Kunststoffkisten.

Die ersten Worte über die Jagd am nächsten Morgen fallen beim Nachtessen. Gian-Battista zerteilt mit Löffel und Gabel eine Gamslaffe im Schmortopf. Ein betörender Duft hängt unter der Küchendecke. Zur Vorspeise schenkt er einen Jeninser Completer 2004 aus, ein Meisterwerk von Schloss Reichenau. Den Hauptgang begleitet ein Churer Blauburgunder «Lochert» 2006. «Den kräftigsten Wildgeschmack hat Gamsfleisch», sagt Gian-Battista, «aber ich schätze auch Steinwild». Morgen kann er eine Steingeiss anvisieren. In 23 Jahren hat er drei Geissen und zwei Steinböcke geschossen, einen der Kategorie 4- bis 5-jährig und einen grossen, «der hängt bei mir im Schloss».

Frühstück um halb sechs, Abfahrt eine dreiviertel Stunde später. Johann-Baptista steuert den Geländewagen. «Bei der Steinwildjagd ist das Auto erlaubt», erklärt er, «sonst nicht; bei der Hochjagd sind über 5000 Jäger unterwegs». So stehts in der kantonalen Steinwildverordnung: «Seilbahnen und Motorfahrzeuge dürfen für die Fahrt ins Jagdgebiet verwendet werden.» Helikopter sind nicht gestattet wie in Alaska, wo betuchte Grosswildschützen Bären aus der Luft abknallen. «Unsere Jagd ist eine soziale Jagd», sagt Johann-Baptista. Eine «freie Jagd», schreibt das Amt für Jagd und Fischerei. «Schon im 16. Jahrhundert war es jedem Bürger möglich, die Jagd frei auszuüben.»

Wir fahren dem Felsberger Calanda zu. Über einen Acker huschen zwei Füchse, später, als wir das haarsträubende Strässchen bergauf fahren, quert ein Reh den Weg. Wir lassen das Auto bei einer Spitzkehre stehen und machen uns auf den Weg. Ein Birkhuhn fliegt auf. Gut eine halbe Stunde später erreichen wir den Ansitzplatz über dem Rosstobel.


Hinter einem Tännchen am Abgrund richten wir uns auf der regennassen Matte ein. Auf der anderen Seite hüpfen vier Gämsen über Felsen in ein Waldstück. Beim Aufstieg hat Gian-Battista etwa 20 Steinböcke gesehen, die nordwärts unterwegs waren. Eine gute Stunde später beobachten wir durch den Feldstecher einen etwa dreijährigen Steinbock beim Äsen. Viel Wild in kurzer Zeit.

Doch heute darf Gian-Battista nur eine Steingeiss schiessen. Wer Steinwild jagen will, muss ein präzis formuliertes Prozedere durchlaufen. Dass die Bündner ihrem Wappentier nachsetzen, stösst manchen seltsam auf, ist es doch ein Wunder, dass Steinwild in der Schweiz überhaupt wieder existiert. «1850 waren in Graubünden mit Ausnahme der Gämse alle Schalenwildarten ausgerottet», schreibt die Jagdverwaltung. «Den Steinbock […] ereilte dieses Schicksal schon um 1650.»

Landwirtschaftliche Nutzung, ausfächernde Zersiedelung, steigende Viehbestände und unkontrollierte Jagd durch stets bessere Waffen besiegelten den Artenverlust. Der freien Jagd wurden Grenzen gesetzt, 1877 wurde sie mit dem System der Patentjagd geregelt. Hirsch und Reh begannen, von Norden her zurückzuwandern. Der Steinbock wurde ab 1920 wieder angesiedelt, nachdem 59 Kitze aus dem heutigen Nationalpark Gran Paradiso im Aostatal, einst Jagdgarten von König Vittorio Emanuele II., entführt und im St. Galler Wildpark Peter und Paul mit der Flasche aufgepäppelt wurden.

Das Wiederansiedlungsprojekt verlief so erfolgreich, dass auch die Steinwildpopulationen der Schweiz einem Wildlife-Management unterstellt werden mussten. Seither können sich Jäger um Abschüsse bewerben. Sie müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen und dürfen dann hoffen, dass ihnen ein Tier zugesprochen oder zugelost wird. Das liest sich in der Kantonalen Steinwildverordnung wie ein Mantra, inklusive Abschussgebühren von 160 Franken für eine Steingeiss, bis 660 Franken für einen Bock ab sechs Jahren.


Ein Schatten, lautlos und schnell

Wir sitzen schon seit ein paar Stunden hinter dem Tännchen. Viel hat sich nicht getan, im Grunde gar nichts. Kalter Wind, Rauschen in den Wipfeln, ab und zu ein Jet, den Johann-Baptista auf dem Handy identifiziert. Die Sonne bricht durch die Wolkendecke, der Himmel öffnet sich. Weiter unten lässt sich ein Adler von der Thermik tragen und zieht seine Kreise. «Gleitschirme sind schlimm für die Jagd», erzählt Gian-Battista. «Sie versetzen die Gämsen in Panik. Für sie löst ein Gleitschirm die gleiche Angst aus wie ein Adler. Da kommt plötzlich ein Schatten, lautlos und schnell.»

Mittag. Johann-Baptista hat sich ein paar Mal an den Rand des Abgrunds geschlichen und das Tobel ausgespäht. Nichts. Also Abbruch. Keine Beute. Ein Ausflug für die Füchse? Das nun auch nicht. Kontemplatives Stillsitzen setzt Balsam für die Seele frei.

Ein Handy klingelt. Wir fahren noch kurz zur Alphütte hinauf. Dort treffen Vater und Sohn von Tscharner den Wildhüter, analysieren mit ihm den erfolglosen Versuch, am Rosstobel eine Steingeiss zu erlegen. Plötzlich taucht auf einer Felsplatte an der Krete weit oben, dem Grenzübergang zum St. Gallischen Taminatal, das Rudel auf, das wir um eine Geiss reduzieren wollten.